Hi, ich bin Tanja – 27 Jahre alt, Mutter einer Tochter (#newmom) und in Wien ansässig. Beruflich komme ich ursprünglich aus dem Agenturwesen. Nach meinem Master-Studium bin ich direkt ins Agenturleben eingetaucht und war bis kurz vor meiner Karenz „Senior Consultant & Planner“ in einer Mediaagentur. Die Planung & Abwicklung von Werbekampagnen war mein täglich Brot. Mein persönlicher Planungswahn und die Notwendigkeit, andere Menschen / Kunden permanent zu inspirieren, haben mich in meinem Berufsleben bis dato angetrieben und motiviert, weiterzumachen.

Bild: Eines meiner ersten Letterings nach der Teilnahme meines ersten Workshops bei der lieben @herzensdame.
Wie bist du zum Lettering gekommen?
Aus einer Panik heraus 🙂 – und zwar: Geistig während meiner Karenzzeit „zu verdursten“. Klingt vielleicht blöd, ist aber so. Eines der letzten Neukundenprojekte in der Agentur brachte mich dann plötzlich auf das Thema „Sketchnotes“. Das war kurz vor meiner Karenz. Ich wollte es unbedingt können – zu „sketchnoten“. Ich hatte dazu in meinen letzten Arbeitswochen ein Whiteboard beschriftet, Rahmen gemacht, Pfeile gezeichnet – eine „Strategie“; sollte dargestellt werden. Da wusste ich: „Da geht noch mehr“. Nach Beginn des Mutterschutzes tauchte ich dann gänzlich in diese neue „Kreativwelt“; ein: Sketchnotes, Doodles, Handlettering, Watercoloring, Bullet Journaling, Brush(pen)lettering, Chalklettering und und und.
Ich liebe diese neu entdeckte Welt. Daraus ist auch mein 365-Tage- Projekt entstanden. Eine Leidenschaft, die definitiv gekommen ist, um zu bleiben.

Was gefällt dir / fasziniert dich so sehr am kreativen Schreiben?
Da gibt es mehrere Facetten. Im Prinzip lernt man neue Schrifttypen & -arten von Grund auf neu. Fast wie ein/e Grundschüler/in. Das finde ich toll. Sich für einen kurzen Moment auf eine einzige Sache zu konzentrieren, die für (die meisten) von uns im Alltag selbstverständlich ist. Für mich hat das „Buchstabenzeichnen“, wie man so schön sagt, fast etwas meditatives. Ich kann mich kurz darin verlieren. Meine Konzentration und Achtsamkeit auf die Haptik des Papiers, die Funktionsweise des Stifts oder einfach auf die Bewegungen meiner Hand lenken. Das tut mir gut. So tanke ich mittlerweile Kraft & Energie.
Denn das Schöne daran: Ich kann 5 Minuten „lettern“, oder 5 Stunden – wie es meine Zeit erlaubt. Das Spannendste für mich ist aber mit Sicherheit die Vielfalt. Die Vielfalt an Möglichkeiten, Materialien und Techniken. Sich ausprobieren zu können und permanent Neues dazuzulernen. Und am Ende des Tages: Seinen eigenen Stil zu finden. Die Königsdisziplin.

Woher holst du dir die Ideen zum Lettern?
Ganz zu Beginn habe ich in meinem Bullet Journal eine einfache Liste geführt. Alles was mir zum Thema „Lettering“ oder „Sketches“ eingefallen bzw. im Alltag untergekommen ist, habe ich aufgeschrieben. Coole Sprüche und Letterings findet man ja mittlerweile überall (oder vielleicht ist das auch nur meine selektive Wahrnehmung). Je nach Lust und Laune konnte ich dann aus einem Repertoire schöpfen, ohne jedes Mal auf das Neue darüber nachdenken zu müssen – im Sinne von „Was könnte ich heute lettern?“.
Mittlerweile muss ich zugeben, dass ich das Nachdenken anderen überlasse. Nämlich den tollen Persönlichkeiten auf Instagram, die Lettering-Challenges Monat für Monat ins Leben rufen. Da ist zu 99% der Fälle stets etwas dabei, das ich gerne lettern und aquarellieren möchte. An dieser Stelle: Vielen Dank dafür ;).
Wie gehst du vor bei einem Lettering?
Chaotisch, wie ich bin. Abseits von Zeichnungen & Illustrationen, die ich mit Aquarellfarbe anfertige, habe ich seit Beginn meines „Lettering-Daseins“ noch nie Buchstaben oder Wörter mit dem Bleistift vorgezeichnet. Geschweige denn, mir eine Vorlage gemacht und diese dann abgepaust. Das ist jetzt nicht besser oder schlechter. Vielleicht ist es der Zeitfaktor. Oder meine Ungeduld. Ich weiß es nicht. Aber ich gehöre definitiv zur „Einfach-Loslegen- Fraktion“. Natürlich kommt es dann auch vor, dass Letterings mal im Müll oder als Schmierzettel enden. Aber das macht nichts. Gerade beim Erlernen der „Letteringkunst“ heißt es für mich „progress over perfection“.

Welche „Technik“ bevorzugst du?
Ganz zu Beginn war ich ein totaler Fan der „Faux Calligraphy“. Wahrscheinlich auch aus diesem Grund, weil ich die Welt der Brushpens noch so gar nicht beherrschte (es gibt auch aktuell noch ein riesiges Potential nach oben – dies nur in einem Nebensatz). Ich finde diese „Falsche Kalligraphie“ noch immer schön und v.a. auf Materialien abseits von Papier ist sie gut anwendbar.
Zurzeit hat mich jedoch das klassische Brushlettering in seinen Bann gezogen – also das Lettern mit Pinsel und (Wasser-/Aquarell-)Farbe. Ich habe mich in die Unberechenbarkeit der Farbverläufe und die beinahe Unkontrollierbarkeit der (echten) Pinselspitze verliebt.

Mit welchem Material letterst du am liebsten? (Stift, Papier, …)
Papiertechnisch ist es schwer zu sagen. Ich lettere gerne auf Aquarellpapier (sowohl mit Pinsel als auch mit Brushpens, die eine Acrylspitze haben) und auf sehr glatten Papieroberflächen, wie das beim satinierten Handlettering-Papier von Hahnemühle der Fall ist. Hier gelangt man nämlich schnell zu schönen Ergebnissen. Aber ich muss gestehen: Am liebsten probiere ich jedes Mal einen anderen Untergrund zum Belettern aus. Egal ob neue Papierarten oder Materialien wie Porzellan, Tafeloberflächen, Stoffe, etc.
Auch wenn man nämlich glaubt, endlich den „Dreh rauszuhaben“, verhält sich die eigene Letteringkunst und das -können wieder vollkommen anders. Das ist wie Balsam für meinen Schöpfergeist.

P
Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste, damit ein Lettering schön aussieht?
Der Flow. Ich finde, die vermeintlich schönsten Buchstaben, die herausforderndste Letteringtechnik und das geübteste Handgelenk ergeben am Ende noch immer kein stimmiges Bild, wenn da nicht dieser „Flow“ im Lettering ist. Damit meine ich eine bestimmte Konsistenz, einen Schwung, der sich durchzieht, durchgezogene Linien, gleichmäßig gezogene Kurven, gleichmäßige Abstände.
Oft ist es erstaunlich, wann ein Lettering für das eigene Auge als schön empfunden wird, oder eben nicht. Denn wenn man bei vielen Letterings genauer hinsieht und sich Buchstaben, Ligaturen, etc. im Detail ansieht, findet man das Lettering gar nicht mehr so schön. Aber genau das ist (meiner Meinung nach) der Punkt: Letterings müssen in Ihrer Gesamtheit harmonisch wirken, für das Auge angenehm sein, kurz den Blick auf sich ziehen.
Deshalb finde ich nicht nur Letterings von „Profis“ sensationell toll, sondern auch von jenen, die die Lettering-Welt erst eben für sich entdeckt haben. Schön, oder?

Welche Tipps & Tricks helfen dir am Meisten?
Zum „Erlernen“ der Letteringkunst habe ich tatsächlich einen Tipp, aber da muss ich kurz ausholen: Ich habe vor langer Zeit mal ein sogenanntes „Mentaltraining“ absolviert (damals gegen meine Nervosität vor Prüfungen, die ich mittlerweile fast zur Gänze ablegen konnte). Dort habe ich eine Technik kennengelernt, die eigentlich aus der Sportpsychologie kommt. Und zwar „das mentale Training von Bewegungsabläufen“. Das klingt jetzt vielleicht alles sehr hochgegriffen und „weit weg“, aber ich nutze diese Technik noch heute z.B. vor wichtigen Präsentationen. Man stellt sich einfach vor, wie eine bestimmte Situation (z.B. Prüfungssituation) vorort aussieht und versucht sich das ganze mental zu verbildlichen. Wenn diese Situation dann eintritt, ist es gar nicht mehr so aufregend oder herausfordernd, weil sich unser Gehirn bereits darauf eingestellt hat und die Situation „gewohnt“ ist.
Was hat das mit Lettering zu tun? Ich habe mich dabei erwischt, wie ich beim Betrachten von Letterings anderer in meinem Kopf die Bewegungen meines Handgelenks Schritt für Schritt durchgegangen bin, als ob ich dieses Lettering selbst zeichnen bzw. anfertigen würde. Das habe ich eine Zeit lang sogar unbewusst gemacht – mittlerweile finde ich es gar nicht so schlecht. Es hat mir zumindest in meiner „Das-werde-ich- nie-können- Phase“ geholfen, weiterzumachen und ich konnte mir dadurch den einen oder anderen „Kniff“ abschauen. Abseits davon heißt es natürlich: Üben, üben, üben.